American Football verstehen lernen – Was macht die Seattle Defense so stark?

Im Rahmen der „American Football verstehen lernen“ Artikel versuche ich hin und wieder ein paar taktische Kniffe der Football Offensive und Defensive anhand von interessanten Beispielen aufzuschlüsseln. Ziel ist es jedem Interessierten die spannenden Mechaniken und Strategien hinter diesem Sport begreiflich und zugänglicher zu machen, auch ohne sich damit schon jahrelang beschäftigt haben zu müssen.

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Jeder der die letzten Jahre ein wenig die NFL mitverfolgt hat, wird es nicht verborgen geblieben sein daß die Defense der Seattle Seahwaks seit einiger Zeit zur Crème de la Crème der NFL Verteidigungen zählt. Sehen wir uns die Rangliste der NFL Defenses der letzten vier Jahre an wird diese Dominanz in Zahlen recht gut sichtbar.

NFL Defense in „Total Yards allowed“

  • Saison 2012: 4.Platz von 32
  • Saison 2013: 1.Platz  von 32
  • Saison 2014: 1.Platz  von 32
  • Saison 2015: 2.Platz  von 32

Der Coach

Wollen wir diesem Erfolg auf den Grund gehen beginnt alles mit der Übernahme des Team durch Head Coach Pete Caroll im Jahre 2010. Pete Caroll, geboren 1951 in San Francisco begann nach einer eher unspektakulären College Karriere als Free Safety schon früh dem Coachen von Spielern. Nach einigen Stationen als College Assistenztrainer fand er Anfang der 80er Jahre seinen Weg in die NFL, wo er schließlich in den 90ern bereits als Head Coach der New England Patriots und San Francisco 49ers Erfolge feiern konnte. Nachdem er dann für die Jahre 2000 bis 2009 nochmal zurück zum College Football wechselte um die USC Trojans erfolgreich zu coachen begann 2010 seine Karriere als Head Coach der damals wenig erfolgreichen Seattle Seahwaks.

Schon früh begann  der als Defense orientierter Head Coach die Spielphilosophie des Teams zu verändern und seiner eigenen Vorstellungen anzupassen. Diese bestand im Grunde aus folgenden Prinzipien:

  • Stoppt das gegnerische Laufspiel
  • Halte das System simpel und verständlich
  • Verhindere gegnerische Big Plays
  • Finde die richtigen Spieler für das System

Während in der heutigen NFL vielerorts komplizierte und multiple Defense Schemen gespielt werden, die es zwar der gegnerischen Offense aber auch oft den eigenen Verteidigern schwer macht die Zuordnungen und Aufgaben zu durchschauen, ist Pete Carolls Defense schon fast verwirrend einfach gestrickt. Schauen wir uns die Kernpunkte dieses erfolgreichen Systems nacheinander an.

 

Die Formation: 4-3 Under, 4-3 Over, Das Beste der 4-3 und der 3-4

Lieber 4 schwere Defense Liner mit 3 Linebackern (4-3 System), oder lieber nur 3 Defense Liner mit 4 Linebackern (3-4)? Diese Frage stellt sich vielen Defense Koordinatoren im American Football und hat grundlegende Auswirkungen auf das benötigte Personal im Team. Pete Caroll versucht kurz gesagt mit seinem 4-3 Under und 4-3 Over System im Prinzip eine 4-3 Defense mit 3-4 Personal zu spielen und so die Vorzüge beider Systeme zu kombinieren. Gemäß der ersten Regeln in Pete Carrols Defense muss das Laufspiel des Gegners gestoppt werden. Schauen wir uns also an was sich Pete dahingehend ausgedacht hat.

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Hier sehen wir die 4-3 Under Formation der Seahawks. Der Begriff „under“ heißt in Prinzip daß einer der drei Seahwaks Linebacker (LB) auf der Strong Side an der Line of Scrimmage steht. Die Strong Side ist meist die Seite auf der die Offense die meisten Run Blocker aufgestellt hat. In unserem Beispiel also die obere Seite an der ein Tight End die Offense Line verlängert. Durch diesen Umstand haben wir bei der 4-3 Under Formation 5 Spieler auf der Line stehen, was eine gewisse Ähnlichkeit zu 3-4 Defense herstellt. Auch vom Personal her arbeitet Caroll mit Anlehnung an das 3-4 System, indem der den linken Defensive End und die beiden Defensive Tackle Spots mit schwereren Spielern besetzt während die Außenpositionen mit einem Linebacker und einem leichteren agilen Rechten Defensive End Vorteile für das Stoppen von Läufen Richtung der Seitenlinien, und dem Pass Rush bei Passspielzügen haben.

Um dem gegnerischen Laufspiel mit einer „Eight man Box“ (Acht Verteidiger nahe des Balls) zu begegnen spielt der Strong Safety (SS) hinter der Defensive Line sozusagen einen weiteren Linebacker. Der Free Satefy (FS) spielt ein gutes Stück dahinter die Mitte des Feldes. Mit einem hart tacklenden Kam Chancellor als Strong Safety und einem schnellen und spielintelligenten Free Saftey wie Earl Thomas III hat Pete Caroll auch genau das Personal für dieses System auf dem Platz stehen. Dieser sogenannte „Single high Safety“ Look ist ein weiterer Eckpfeiler der Seahawks Defense und ein grundlegender Unterschied zur anderen ebenfalls populären Defense Systemen mit einem „Split Safety“ Look bei dem sich der Strong Safety und der Free Safety die Tiefe des Feldes teilen (z.b. die bekannte „Tampa 2″ Defense“).

 

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Hier sehen wir ein Beispiel für ein Laufspielzug gegen die Seahawks Defense. Die Chicago Bears versuchen hier massiv mit Acht Run Blockern vergeblich einen Weg für ihren Runing Back freizuräumen.

 

Die Coverage: Cover 3 und Cover 1

Gegen das Passspiel des Gegners vertrauen die Seahawks auf das Prinzip „Simpel und effektiv“.  Das oben angesprochene „Single high Safety“ Prinzip harmoniert wunderbar mit Coverages wie der „Cover 3“ oder „Cover 1“. Pete Carolls Absicht mit einem simplen aber fehlerfrei gespielten System einen Vorteil gegenüber komplizierten Hybridsystemen zu erzeugen liegt auf der Hand. Caroll bevorzugt Verteidiger auf dem Feld die ihre Aufgabe klar kennen und ausführen und nicht Gefahr laufen, über ein schwierig zu erlendendes System weniger ihrem Spielinstinkt folgen zu können.

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In diesem Beispiel spielen die Seahawks aus ihrem Nickel Package, das heißt sie haben einen Linebacker gegen einen weiteren beweglicheren Cornerback (Nickelback) ausgewechselt um dem von der Offense aufgestellten dritten Wide Receiver begegnen zu können. Die Cover 3 ist eine sehr ausgewogene Coverage welche mit drei tiefen Zonen versucht dem Gegner keine Big Plays, also große Raumgewinne, abzugeben. Die beiden für die Seitenlinien verantwortlichen Cornerbacks profitieren dabei von Ear Thomas III welcher mit seiner Spielweise eine unglaublich große Fläche des Feldes decken kann und können so aggressiv ihre Receiver spielen welche so unüblicherweise auch in der Cover 3 öfters gebumpt werden können (Bumpen heißt die Technik indem der Receiver schon beim Start seiner Route aggressiv in seinen Bewegungen behindert wird)

Gemischt mit der Cover 1 ist es für den Gegner trotz der simplen Aufgabenverteilung nicht leicht, die gespielte Verteidigung zu lesen. Hier sehen wir ein Beispiel in dem die Seahawks eine Cover 1 „Robber“ spielen. Eine Manndeckung mit einer tiefen Zone und einem freien Spieler, in diesem Falle Strong Safety Kam Chancellor.

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Durch den mit der Cover 3 identischen Look der Defense vor Beginn des Spielzuges weiß die Offense  nicht welches dieser beiden häufig gespielten Plays sie erwartet.

 

Druck auf den Quarterback? 4 Pass Rusher reichen sagt Pete

Der Druck auf den Quarterback ist einer wichtigsten Faktoren um das gegnerische Passspiel zu stören. Pete Caroll ist bekannt dafür sehr wenig zu „blitzen“ (mehr als 4 Pass Rusher die den QB jagen) und sich auf die Destruktivität seiner 4 Pass Rusher zu verlassen. In der Saison 2014 waren die Seahawks mit 23% aller Plays beim Blitzen eines der Teams der NFL mit dem wenigsten zusätzlichen Druck. Eher versucht Caroll durch das freistellen von schnellen und athletischen Spielern wie Kam Chancellor einen Turnover (Interception oder Fumble) zu provozieren um so seiner Offense wieder das Spielgeschehen in die Hand zu geben.

 

 

 

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